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Behindert und trotzdem Gitarre spielen?

Es geht! Es gibt einige relativ bekannte Gitarristen, die mit einer Behinderung trotzdem ihren Traum leben können. Wir berichteten unter Anderem schon über Big Toe.

Heute möchte ich euch einen weiteren behinderten Gitarristen vorstellen. Sein Name ist Wilhelm Költgen:

Hallo Willi. Stell dich doch mal kurz vor. Wer bist du, wie alt bist du und wie bist du wann zum Gitarrespielen gekommen?

Hallo erst mal! Ich bin der Willi aus Krefeld….

Ich bin jetzt 51 Jahre jung, innerlich natürlich irgendwo bei 30 stehen geblieben, und immer voller Tatendrang nach neuen Herausforderungen.

Wie viele andere Menschen bin auch ich „körperbehindert“, zumindest nach der Definition und dem Verständnisbild unserer Gesellschaft.

Da gibt es also einen klitzekleinen Unterschied: Mir fehlt die rechte Hand.

Ende 2007, es war der 11.11. … ACHTUNG das war Karnevalserwachen in Kölle! … Geht normalerweise überhaupt nicht…

Habe ich mich durch Menschenleiber ins Musikstore gezwängt, und den lange schon existierenden Gedanken in die Tat umgesetzt:

Geht Gitarre spielen mit einer Hand?

Im Musicstore Köln bin ich dann auf Lutz Schröder aus der Gitarrenabteilung gestoßen.

Der fand die Idee gut, und hat mich in dieser wichtigen Findungs-Phase nicht nur nicht eingebremst, sondern ernst genommen und angespornt.

Wenn jetzt einer vielleicht bemerkt: Klar der wollte doch verkaufen, dann ist das so nicht richtig.

Wir haben uns schon intensiv beschnüffelt, ein bisschen ausprobiert, und das ein und andere Gespräch geführt.

Der Weg war somit ein Stück weit geebnet, es konnte los gehen. Ich war also auf dem Weg.

Von nix eine Ahnung habe ich mich sodann erst mal im stillen Kämmerlein vor mein schönes Möbelstück, eine orig. Gibson LP 50 ST gehockt, und ehrfürchig betrachtet.

Die ersten zaghafte Schritte, ohne Notenkenntnis (!) waren echt zäh. Naja – autodidakt zu lernen ist ja ganz nett, aber man tritt auf der Stelle.

Und ich bin selbstständig, habe also keine 8 Stunden am Tag Zeit zu üben.

Dir fehlt deine rechte Hand. Wie ist das passiert?

Passiert – eigentlich gar nicht. Ich bin so geboren worden. Aber das ist für mich einfach nur normal.

Wache ich morgen früh auf, und habe 10 Finger – bin ich wohl wirklich behindert….

Woher nahmst du die Motivation, trotz deiner Behinderung, Gitarre lernen zu wollen?

Ach ja – das ist eigentlich einer der vielen Kindheitsträume. Getrieben und beseelt von dem inneren Antrieb all die Dinge, die „wir“ ja sowieso nicht können ..können zu können, probiere ich seit je her immer schon alles aus. Ist ein innerer Drang!

Kannst du uns erklären, wie du es schaffst, ohne Rechte Hand, die Saiten anzuschlagen?

Alsooo…. Wie erkläre ich ohne visuelle Darstellung meine physische Konstellation…. Mmh…

Der Unterarm ist durch die fehlende Handmuskulatur etwas dünner. Das Handgelenk ist in seiner Funktion noch normal ausgebildet, aber eben kleiner dimensioniert.

Volle Beweglichkeit ist in allen Achsen vorhanden.

Finger gibt es keine.

Ein winziger etwa 1 cm kleiner Vorsatz (sollte mal einen Daumen geben…) dient mir als Plek.

Der ist naturgemäß sehr nachgiebig, und ich muß höllisch aufpassen, das die dünne E-Saite mir selbigen nicht durchschneidet.

Großes Kopfkino….autsch! Aber das kriege ich meistens hin. Ansonsten ist großes Pflaster und pausieren angesagt.

Die gesamte Energie und der Bewegungsfluß muss also aus dem Unterarm kommen. Reicht das als Erklärung?

Auf youtube habe ich mal vor einiger Zeit was reingestellt, um heraus zu finden, ob es andere Leute gibt,  die das Thema auch so spannend finden.

Das sind keine dollen Sachen, aber man kann zumindest erkennen, wie ich das handhabe.

Wie sehen deine musikalischen Ziele aus?

Also was Spaß macht wird angepackt.

Muskrichtung ist eigentlich egal. Blues und Jazz wird gefühlt, aber alles andere ist eben auch spannend.

Ich möchte natürlich auch mal annähernd so schön spielen, wir „Ihr Zweihänder“…

Ob irgendwer mal auf mich zukommt, und was gemeinsames anstrebt – ich währe sicherlich mutig genug dem zuzustimmen, aber auch kritisch genug abzuwinken, bevor meine instrumentellen Fährigkeiten an Körperverletzung grenzen…

Ich weiß mich eben auch realistisch zu betrachten. Meine Ressourcen sind vielleicht, na sogar bestimmt eingeschränkt.

Aber letztlich zählt doch nur der Spaß, und es überhaupt zu tun.

Musik ist etwas herrliches, und ich kann mich wegbeamen, wenn notwendig. So wie beim Motorradfahren, nur unbeschadeter…

Du hast eine Firma, die Motorräder behindertengerecht umbaut. In welchem Zusammenhang steht deine Arbeit mit deinen musikalischen Ambitionen?

Ah – das war jetzt ein guter Übergang!

Ist eigentlich gar nicht so schwer. Hier treffe ich auf Menschen, die traumatisiert sind, die zum Teil keinen Boden mehr unter den Füßen haben, neue Orientierung brauchen, Zuspruch, und Empathie. Wenn ich denen erzähle was „wir“ so alles machen und können…z.B. selbst mit Querschnittlähmung Motorradfahren, Skifahren (Goldmedaille im Europacup Riesenslalom) mit einem Bein, mit einem Arm eine Goldmedaille im Moto Cross einfahren, usw., dann geht die innere Sonne auf.

Da entsteht Mut zur Lücke, da keimt die Lust auf aussergewöhnliche Taten, da wächst das Pflänzchen Hoffnung.

Du planst, eine Community für behinderte Musiker zu gründen. Was kannst du uns dazu sagen?

Ja – eigentlich bin ich kein Freund von Vereinen im herkömmlichen Sinne. Aber ich finde täglich neue Leute ausserhalb unserer Landesgrenzen BRD, die echt was drauf haben. Aber jeder ist so für sich auch Einzelkämpfer.

Leider gibt es hier in Deutschland absolut nichts, wo sich Menschen finden und austauschen können. Dieses Aussenseiterdasein würde ich gerne beenden.

Ich finde (mal wieder) „wir“ verdienen Beachtung. In den nächsten Tagen werde ich eine Internetseite kreieren lassen, die sich rund um das Thema „handicap musician” drehen wird.

Und ich setze ein schönes Ziel auf die Überholspur: Tut euch zusammen.

Integration würde hier einmal mehr wörtlich genommen!

Willi, vielen Dank für das aufschlussreiche Interview. Wie können wir bezüglich deiner Person und deiner Projekte auf dem Laufenden gehalten werden?

Der Internetauftritt wird eine Möglichkeit sein. Youtube eine weitere Option. Ich denke mit ein paar Gleichgesinnten werden „wir“ das Thema medienwirksam umsetzen können. Es gibt hier doch auch schon den ein und anderen Interessenten, der dem Thema positiv gegenüber eingestellt ist.

Vielleicht hängt sich sogar mal im Zuge „sozialen Engagements“ ein Hersteller mit rein… Wer weiß wo die Fahrt hingeht.

Gerne erstelle ich auch eine Datenbank mit Kontakten, sodass sich Interessierte austauschen können.

Eine Begegnung, wo immer auch (Kulturszene, Jugendheime, Jazzkeller etc.) kann ja durchaus unkompliziert laufen.

Was kannst du anderen Gitarristen mit auf den Weg geben?

Dran bleiben! Die Mühe lohnt sich. Ob „Behindert“ oder nicht. Vergeudet nicht Eure Zeit mit sinnfreiem Abhängen.

Macht was aus eurem Leben – es ist eh viel zu kurz…

Und vielleicht verschmitzt lächelnd: Fordere ich „Euch – ihr da draussen“ auf, uns zu beachten, und eine Chance zu geben.

- Link: Willi bei YouTube

Ach übrigens:

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